Am Donnerstag, den 10. September um 19 Uhr im kleionen Gemeindesaal der Stiftskirche Landau, Stiftsplatz 9 übernehme ich bei einer musikalisch umrahmten Lesung der Gruppe "Wortschatz" die Zusammenfassung des Lebensweges von Rainer Maria Rilke. Hier mein Beitrag:
1. Steckbrief
RMR lebte vom 4.12.1877 bis 29.12.1926. Geboren ist er in Prag und verstorben in Valmont bei Montreux in der Schweiz. Er schrieb 17 Gedichtbände, viele französische Gedichte, 52 lyrische Erzählungen, 10 dramatische Werke, 54 Übersetzungen und Tausende von Briefen. Er war zu seiner Zeit eine Art Popstar mit reichlich persönlicher Ausstrahlung. Er galt als vornehm, manchmal distanziert, oftmals einzelgängerisch, auch gelegentlich ich-bezogen, jedoch sehr höflich seinen Bekannten und Verehrerinnen gegenüber. Seine heute berühmtesten Werke sind die Duineser Elegien, das Stunden-Buch und die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Manche von Rilkes literarischen Zeitgenossen empfanden seine Texte als eher leicht und begründeten seinen Erfolg mit seiner Beliebtheit beim Publikum. Es gibt zahlreiche Straßenbenennungen, einige Schulen und eine Rilke-Gesellschaft. Der Dichter hat in der jüngeren Generation wieder Kultstatus: Popkünstler verwenden beispielsweise Zeilen aus seinen Briefen. 2001 wurde das Rilke-Projekt gestartet, in dem Schauspieler seine Texte sprechen und Musiker seine Gedichte vertonen. Über eine halbe Million Mal wurde dieses Tondukument bisher verkauft.
2. Jugend und erste Erfolge
RMR wuchs in Prag in einem wenig glücklichen kleinbürgerlichen Elternhaus als Einzelkind auf. In seiner Schulzeit begann die von ihrem Ehemann enttäuschte Mutter, viel zu reisen. Mit 10 Jahren besuchte R die Militärakademie und war schockiert von der rauen Welt dort. Er galt als sensibel, kontaktscheu und unbeholfen, war später jedoch auch geltungsbewusst. Mit 20 Jahren erreichte er das Abitur. Er studierte Literaturgeschichte, Philosophie, Kunstgeschich-te und Jura, jeweils ohne Abschluss, und konnte dabei auf etwa 10 finanzielle Unterstützer zählen.
Mit 21 Jahren zog R nach München, studierte weiter Jura und suchte den Kontakt zur Dichterszene. Er schrieb zahlreiche Gedichte, die teilweise veröffentlicht wurden. Dabei widmete er seine Stücke bekannten Autoren und trat damit bei deren Verlagen an. Aber R leistete auch seinerseits Freundschaftsdienste in Form von Empfehlungen. Er hatte ein erlesen gutes Benehmen, das in Briefen und in Flirts mit adligen und vermögenden Damen zum Tragen kam. Mit 25 Jahren konzentrierte er sich zunehmend aufs Dichten, schrieb jedoch auch regelmäßig Rezensionen und Kritiken. In München gab zur Jahrhundertwende es eine vielfältige Literaturszene mit Stefan George, Hugo v. Hofmannsthal, Theodor Fontane, Thomas Mann und anderen. Mit einigen hatte R engen Kontakt. Er lernte Lou von Salomé kennen. Sie war 14 Jahre älter als er, verheiratet, gebildet, vielseitig interessiert und bekannt in der Bohème. Sie pflegte ein dichtes Netzwerk, z.B. auch mit Friedrich Nietzsche, sie hatte viele Liebschaften, schrieb Erzählungen, Romane und Aufsätze. R wurde ihr Geliebter und später lang-jähriger Freund. Eine Zeitlang reiste und lebte er zwischen München, Berlin, Hamburg, Worpswede, Arco (zur Mutter), Wien (zur Eröffnung der Sezession) und Russland, er knüpfte Kontakte und schrieb Gedichte.
Erneut bereiste er das kleine Künstlerdorf Worpswede. Zwei junge Malschülerinnen kamen dort an, die Freundinnen Paula Becker und Clara Westhoff, die R von Paris und von Rodin erzählten. Im ländlichen Umfeld, auch mit den einfachen Fischern, fühlte sich R jedoch nicht wohl. RM und Cl verlobten sich Anfang 01 relativ rasch. Wenige Monate später heirateten sie und zogen in die Nähe von Wo. Im Dez. 01 kam die Tochter Ruth zur Welt. Seine Freunde konnten sich keinen Reim auf die rasche Hochzeit machen. Die große Liebe war es nicht. Ruth wuchs bei Claras Eltern auf. Für RM und Cl stand im Grunde genommen fest, dass ihnen die Kunst wichtiger als die Verantwortung in Ehe und Familie war. So häuften sich die räumlichen Trennungen. Cl blieb jedoch Rilkes Herzensfreundin. Indes stieg R’s dichterischer Erfolg und er pflegte Freundschaften und Liebesbeziehungen.
3. Auf dem Weg zum Erfolg
Im Frühjahr 02 bekam R den Auftrag, in Paris eine Rodin-Monogra-phie zu schreiben und er wurde 05 dessen Sekretär. Er bewunderte Rodin. Cl war Rodins Schülerin gewesen. Rodin und R verband ihr Fleiß und Perfektionismus. Erschöpft von der Arbeit an der Mono-graphie und von der fremden Metropole reiste R 03 nach Italien, wo er sich erholte. In Viareggio war er der einzige, der sich erlaubte, mit nacktem Oberkörper ins Meer zu gehen. Bald konnte er dank der Erholung an seinen Gedichten weiterschreiben; er verfasste sie auf Anhieb formvollendet. Wenig später fuhr RM mit Clara nach Wo, wo sie ihre Verwandtschaft wiedersahen. Doch R schrieb Lou Andreas-Salomé auch, dass er eine Angststörung habe.
Ende 03 hielten sich RM und Cl in Rom auf. Danach reiste er nach Dänemark, traf Bekannte, fertigte Übersetzungen an, genoss das Landleben und hielt eine größere Dichterlesung. Danach ging er mit Cl wegen erneuter Erschöpfung zur Kur. Auf der anderen Seite pflegte R zahlreiche Beziehungen zu Gönnerinnen, in deren Villen oder Schlössern er sich aufhielt, beispielsweise auch auf Capri, da er zeitweise keinen festen Wohnsitz hatte. Er lebte also zwischen Fleiß und seinen Bekanntschaften, seinen Selbstzweifeln und wiederkehrenden Erschöpfungen.
Ab 05 unternahm R immer wieder Vortragsreisen in zahlreiche Städte. Er hatte eine sonore Stimme und las diszipliniert und mit Anekdoten versehen vor. 06 starb sein Vater. Zugleich wurde Rilke von Rodin als Sekretär entlassen, zwei einschneidende Ereignisse. Dann in Paris entwickelte er seine Gedichte weiter, vom Ich-Bezug zum Mitgefühl, zu einer Abkehr von der Realität, hin zum Unsicht-baren, zu Esoterik und Erotik, ganz im Sinne des Impressionismus. 08 konnte sich RM in Paris ein Atelier mieten, und auch Cl. lebte eine Zeitlang dort. Rodin gelang die Versöhnung mit R.
Im Frühjahr 10 reiste R auf Einladung der 20 Jahre älteren Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe nach Duino. Sie besaß ein Schloss auf einem Felsvorsprung, hoch über der Adria. Eine Freundschaft mit ihr begann. Doch R litt unter Konzentrationsprob-lemen wegen verschiedener Leiden. Das damals aufkommende Thema "Über-Ich" beschäftigte ihn. Er verkörperte es als "Engel" in seinen Gedichten. Auf einem Psychoanalytiker-Kongress in München, den er mit Lou besuchte, lernte er Sigmund Freud kennen. Um sich von Kunst und Religion inspirieren zu lassen, reiste er bis nach Nordafrika und Spanien.
14 war R zum letzten Mal In Duino. Die Duineser Elegien (12-22) waren für ihn sein Hauptwerk. Sie beinhalten die Anrufung des Engels, die Verlassenheit und Enttäuschung, den Vater, die Illusion der Nacht, Gott, die Heiligen und die Toten.
4. Der Krieg
In München wurde R vom Kriegsausbruch überrascht. Zunächst schrieb er über den Krieg als mythische und erlösende Kraft. Doch kurze Zeit später änderte er seine Meinung grundlegend, nachdem einer seiner Freunde gefallen war. R war politisch unbeteiligt, er blieb Einzelgänger und Beobachter. R’s Stil indes wurde expressio-nistischer. 15 erfolgte seine Musterung, er wurde als Soldat eingezogen, erreichte aber mit Hilfe seiner Freunde seine baldige Entlassung aus der Armee. Nach dem Krieg nahm R Anteil an der Räterepublik, er freundete sich mit Sophie Liebknecht an und kam in die Kreise der Kriegsgegner, z.B. von Kurt Eisner und Ernst Toller. Mit anderen Schriftstellern unterschrieb er einen Aufruf zur Solidarität. In München jedoch geriet er selbst in Gefahr, weil die Rädelsführer der Kriegsgegner gesucht wurden und R gleichge-sinnte Dichter beherbergt hatte.
5. Schweiz
R nutzte 19 eine Einreiseerlaubnis zu einer Lesung in die Schweiz. In Nyon am Genfer See wurde er von einer Bekannten sogleich in ihr Chalet eingeladen. Auch in der Schweiz war er häufig auf Lese- und sonstigen Reisen unterwegs und traf alte und neue Bekannte. In Soglio in den Bündner Bergen fand er die nötige Ruhe in der Natur. Allerdings musste er sein Einreisevisum immer wieder verlängern, eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekam er nicht. Dann verlor R aufgrund der Gründung der Tschechoslowakei seine österreichische Staatsangehörigkeit. Seine Unbehaustheit, die familiäre Entwurzelung und die Staatenlosigkeit setzten ihm schwer zu. Doch die weltoffene Lebensart der Schweizer bot ihm einen gewissen Ausgleich. Viele Deutsche waren nach dem Krieg in die Schweiz emigriert, darunter René Schickele und Hans Arp. R plagten seit langem finanzielle und gesundheitliche Sorgen. Noch 19 wurde er wegen seiner Erschöpfung Patient im nahegelegenen Sanatorium. In Soglio schrieb er das Urgeräusch.
21 konnte sich R ins abgelegene Chateau de Muzot im Kanton Wallis kostenlos einmieten. Es war ein Wohnturm aus dem 13. Jhd., spartanisch, mit Garten, Ziehbrunnen und einer Kapelle. Seine neueste Geliebte plante die Restaurierung und die vorherige half ihr dabei. R schrieb u.a. an seinen Duineser Elegien weiter. Im Februar 22 erlebte er die produktivste und sicher glücklichste Woche in seinem Leben. Die Reaktionen seiner Freundinnen und Bekannten auf die Elegien waren - gemischt.
Eine Zeichnung von Orpheus inspirierte ihn, 55 "Sonette an Orpheus" zu schreiben. R verfasste auch viele französische Gedichte. Durch Empfehlungen und Übersetzungen verhalf er ausländischen Schriftstellern ins deutsche Sprachgebiet. Junge Leute sandten ihm ihre Gedichte.
6. Krankheit und Tod
RMR bekam immer mehr Schmerzen, Schwellungen sowie eine chronische Müdigkeit. Einige Male hielt er sich erfolglos in Sana-torien auf. Anfang 25 reiste er noch einmal nach Paris, wo er 7 Monate blieb. Zu seinem 50. Geburtstag im Dezember 25 wurde er in allen Zeitungen gefeiert - doch R war schwerkrank und allein. Über Besuch hingegen freute er sich immer. Seine Gäste empfing er mit ausgesuchter Höflichkeit, er schenkte den Damen Rosen aus dem Garten und bot den Herren Zigarren an. Eine Entzündung nach einer Verletzung durch einen Rosendorn, gefolgt von zwei weiteren kleinen Infektionen, wiesen auf sein schwaches Immun-system hin. Im Sanatorium wurde nun Leukämie diagnostiziert, eine seltene und besonders schmerzhafte Form. Rilke erfuhr weder die Diagnose noch die Prognose. Cl., die sich von ihm verabschieden wollte, wurde nicht vorgelassen. Bis zuletzt glaubte er an seine Heilung. Bis zuletzt dichtete er.
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